Sternenkinder

wenn Eltern trauern
Sternenkinder

Jedes Jahr kommt es weltweit zu 23 Millionen Fehlgeburten. Und das sind nur die registrierten. Das heißt, die Dunkelziffer ist deutlich höher. Millionen von Babys, die nicht überleben, Millionen von Eltern, die in ihrer Trauer nicht ernst genommen werden. 

„Eigentlich warst du ja noch gar nicht richtig schwanger!“, „Vielleicht passt ihr einfach nicht zusammen, die Natur wird sich da schon was gedacht haben“, „Aber wenigstens weißt du jetzt, dass du schwanger werden kannst“, „Ein Kind reicht doch auch, lass doch gut sein“ – das ist nur eine Auswahl an Sprüchen, die sich Frauen anhören müssen, die eine Fehlgeburt erlitten haben. Und wahrscheinlich sollen sie sogar tröstend sein, zeugen aber davon, dass sich viele nicht hineinversetzen können in die Trauer derjenigen, die dieses Kind verloren haben. Viele Fehlgeburten passieren unbemerkt, in den ersten Schwangerschaftswochen. Ab der 20. Schwangerschaftswoche spricht man von einem Spätabort, ist der Embryo älter und wiegt er über 500 Gramm, dann handelt es sich um eine Frühgeburt mit Todesfolge oder eine Totgeburt. Doch hinter diesen Begriffen und Zahlen verbergen sich auch Gefühle. Da sind Frauen, die eine Ausschabung hinter sich haben, und solche, die wussten, dass sie ein totes Kind gebären müssen, oder eines, das nicht lebensfähig sein wird. Die sich von ihrem Baby schon wieder verabschieden müssen, bevor es überhaupt richtig hier angekommen ist. Etwas, das sich oft tief und lebenslang in die Seele brennt.  

Es gibt zahlreiche Faktoren, die zu einer Fehlgeburt führen können, in den meisten Fällen aber ist es einfach nicht erklärbar. Plötzlich ist kein Herzschlag mehr auf dem Ultraschall zu sehen, oder es setzen unvermittelt starke Blutungen ein. Und je früher das passiert, desto größer ist oft das Unverständnis im Umfeld. „Kaum einer hat mich verstanden“, erzählt Tanja. „Ja, ich war erst in der zehnten Woche, aber es war unser Kind, auf das wir schon so lange gewartet hatten.“ Selbst ihr Mann fand irgendwann, es sei genug der Trauer, was für Tanja besonders schwer war.  Erst seit einigen Jahren ist das Thema mehr in den Mittelpunkt gerückt, und Wissenschaftler, die sich damit beschäftigen, fordern, dass die Frauen und Paare psychologisch unterstützt werden sollten. Vor allem, wenn es zu mehreren Fehlgeburten hintereinander kommt. 

Heute bekommen Eltern immerhin die Möglichkeit, sich zu verabschieden – sofern man das möchte, denn eines darf man nicht außer Acht lassen: Mit schwierigen Situationen geht jeder Mensch anders um. Für manche ist es einfacher, nach vorne zu sehen und nicht mehr darüber zu reden, andere brauchen die Möglichkeit, ihre Gefühle und ihre Trauer auszuleben. Und sie brauchen Hilfe, wenn Schuldgefühle dazukommen. Warum ist das Kind gestorben, hätte ich etwas anders machen können, habe ich etwas falsch gemacht – diese Fragen können quälen. Aber auch Frauen, die die Schwangerschaft zunächst abgelehnt und dann ihr Baby verloren haben, machen sich Vorwürfe.  

Es ist gerade mal zehn Jahre her, dass die Gesetze insofern geändert wurden, dass auch tot geborene Babys unter 500 Gramm einen Namen erhalten dürfen. Ein solches „Sternenkind“ kann sogar beim Standesamt registriert und bestattet werden. Alle noch im Bauch, bei der Geburt oder kurz danach verstorbenen Babys über 500 Gramm müssen bestattet werden. „Ich werde nie vergessen, wie meine Schwägerin und mein Schwager ihr erstes Kind zu Grabe getragen haben, das keine Chance auf Leben hatte“, erinnert sich Elli. „In einem winzigen weißen Sarg auf den Schultern des Vaters – die Trauer um meine kleine Nichte, die ich leider nicht kennenlernen durfte, ist dadurch bis heute greifbar. Und ihr Platz auf dem Friedhof gibt allen, auch den nachfolgenden Geschwistern, die Möglichkeit, sich nach wie vor mit ihr verbunden zu fühlen.“  

Auch Frauen, die eine Fehl- oder Totgeburt erlitten haben, haben übrigens das Recht auf die Hilfe einer Hebamme, die die Rückbildung überwacht und im besten Fall auch die Eltern ein Stück weit begleitet. Bei der Verarbeitung kann auch der Austausch mit anderen Betroffenen helfen. Arbeitsrechtlich ist eine frühe Fehlgeburt übrigens kein Grund, daheimzubleiben. Geht es einer Frau allerdings seelisch schlecht, dann hat sie natürlich die Möglichkeit, sich krankschreiben zu lassen. Ab einem Geburtsgewicht des Fötus von über 500 Gramm steht der Frau der Mutterschutz von acht Wochen nach der Geburt zu, wenn notwendig, erhält sie psychologische Unterstützung.

Text: Simone Blaß

hilfetelefon-schwangere.de
Das Hilfetelefon des Bundesfamilienministeriums ist unter der Nummer 0800/4040020 anonym, kostenlos, rund um die Uhr und in 19 Sprachen da. Nicht nur für Schwangere, sondern auch für Frauen, die ihr Baby verloren haben. Wer nicht reden möchte, kann auch die Chatberatung in Anspruch nehmen.  Auch die Telefonseelsorge kann ein guter Ansprechpartner sein und zu weiteren Beratungsstellen den Kontakt vermitteln: 0800/1110111

initiative-regenbogen.de
Initiative Regenbogen – glücklose Schwangerschaft: Für Eltern, die ihr Kind vor, während oder kurz nach der Geburt verloren haben, außerdem für betroffene Familien, Freunde und Helfende.

sternenkinderfranken.com
Gemeinsam für Sternenkinder und Frühchen in Franken e.V.  Ehrenamtliche gestalten die Zeit des Abschiednehmens hier würdevoll.

sternenkinderzentrum-bayern.de
Hier finden betroffene Eltern Informationen und vor allem Unterstützung, zum Beispiel in Form von Trauergruppen, die es auch in Nürnberg gibt.

perspektive-fehlgeburt.de
Weil Fehlgeburten keine Fehler sind – Melissa Kopschina ist selbst betroffene Mutter und Fehlgeburts- sowie Trauerbegleiterin.

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