Eltern als Erzfeind

Sollen wir streiten? Ja - und zwar so!
Warum streiten Jugendliche und Eltern? Was hinter Konflikten in der Pubertät steckt

Mama und Papa gehen schon wieder auf die Nerven. Und zwar nicht zum ersten, zweiten oder dritten Mal – eher so zum vierten Mal heute. „Das liegt an dir selbst“ oder „Du bist einfach gereizt“ sind ihre Lieblingssätze. Danke dafür. Dieses permanente Gefühl, komplett missverstanden zu werden, gehört für uns Jugendliche quasi zur Grundausstattung. Gefühlt interessieren sich Eltern nur dann für uns, wenn irgendwo Hilfe gebraucht wird – oder wenn mal wieder jemand Schuld haben muss.

Warum streiten Jugendliche und Eltern? 
Was hinter Konflikten in der Pubertät steckt

Und ja, okay … vielleicht ist das nicht immer die ganze Wahrheit. Angeblich finden Eltern diese Phase auch ziemlich anstrengend. Gespräche eskalieren schneller, gut gemeinte Tipps kommen als Kritik an, und sie sind selbst oft gestresst von Alltag, Verantwortung und ihrem ganzen Erwachsenenkram. Und anscheinend wollen sie uns sogar beschützen und unterstützen. Nervig, aber wohl ehrlich gemeint. Heißt nicht, dass ihr weniger anstrengend seid – nur, dass ihr vielleicht doch eure Gründe habt.

Warum Konflikte in der Pubertät ganz normal sind

Auch die Wissenschaft hat dazu etwas zu sagen – und ausnahmsweise gibt sie uns Jugendlichen nicht komplett die Schuld. Eine Studie der Oxford Academy für Child Development Perspectives zeigt: Streit zwischen Jugendlichen und Eltern gehört ganz normal zur Pubertät dazu. Warum? Weil sich in dieser Zeit so ziemlich alles verändert – biologisch, im Kopf und im sozialen Leben. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach mehr Freiheit, einer eigenen Identität und Selbstbestimmung. Blöd nur, dass Eltern parallel weiterhin Regeln aufstellen und beschützen wollen. Kein Wunder also, dass es kracht. Wichtig dabei: Diese Konflikte sind kein Zeichen dafür, dass etwas „falsch läuft“, sondern Teil eines Entwicklungsprozesses, der hilft, den Übergang von einer kindlichen zu einer erwachseneren Beziehung zu schaffen.

Was Psychologie und Jesper Juul über Streit in der Pubertät erklären

Sogar aus therapeutischer Sicht ist das Ganze entspannter, als es sich im Streit anfühlt. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul sagt ganz klar: Konflikte zwischen Eltern und Jugendlichen sind normal – und sogar ein Zeichen dafür, dass sich die Beziehung weiterentwickelt. Also kein Beweis dafür, dass Eltern und Kinder plötzlich Erzfeinde sind. Entscheidend ist laut Juul, wie gestritten wird: Eine gleichwürdige Beziehung, bei der man sich auf Augenhöhe begegnet statt mit Kontrolle von oben, kann helfen, Konflikte konstruktiver zu lösen – auch wenn sie deshalb nicht automatisch weniger nervig werden. 

Mit ein bisschen Abstand – meistens erst ein paar Jahre später – passiert etwas Seltsames: Man fängt an, Eltern zu verstehen. Auf einmal ergibt es Sinn, warum sie früher so streng waren, ständig genervt wirkten oder überzeugt davon waren, alles besser zu wissen. Hinter vielen Diskussionen steckten offenbar weniger Kontrollwahn als vielmehr Verantwortung, Sorgen und manchmal auch eigene Unsicherheiten. Aus dem früheren Gegeneinander wird langsam ein Miteinander – man begegnet sich auf Augenhöhe, streitet bewusster und deutlich weniger emotional.

Und ja, auch wenn wir das nicht gerne zugeben: In den meisten Fällen wollen Eltern tatsächlich nur das Beste für uns. Das macht Streit nicht überflüssig – und innerliches Augenverdrehen bleibt absolut erlaubt. Aber irgendwann merkt man: So unähnlich, wie wir immer dachten, sind wir ihnen vielleicht gar nicht. Und genau das ist wahrscheinlich der Moment, in dem man wirklich erwachsen wird.

Text: Max Seitz

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