Väter im Kreißsaal

Die wichtigste Nebenrolle der Welt
Väter bei der Geburt

Etwa neun von zehn Vätern sind bei der Geburt ihres Kindes mit im Kreißsaal dabei. Sind sie darauf gut vorbereitet? Welche Fragen und Ängste haben sie? Tonci Huck, zweifacher Papa, möchte Männer ermutigen, mehr darüber zu sprechen. 

Väter nur Statisten?

„Der werdende Vater sollte unbedingt darauf achten, das Klinikpersonal nicht zu behindern, indem er etwa im Weg steht.“ Dieser Rat findet sich auf der Internetseite einer großen Krankenkasse. Ist das hilfreich? Oder befeuert das eher die Sorgen, die Väter in Bezug auf die Geburt womöglich umtreiben – nutzlos zu sein, ein Statist, der nur zusehen und nichts tun kann? Tonci Huck ging es so: „Ich hatte selbst die Befürchtung, im Weg zu stehen.“ Und Angst war da auch. „Klar, der Mensch, den man liebt, hat die Schmerzen seines Lebens, und man fühlt sich hilflos.“ Gerne hätte er sich darüber vor der Geburt seines ersten Kindes vor fünf Jahren mit Geschlechtsgenossen ausgetauscht, erfahrene Väter mal gefragt: Was passiert da eigentlich genau im Kreißsaal? „Es gab zu der Zeit in meinem Freundeskreis aber leider niemanden, der bereits Papa war.“ 

Väterfragen zur Geburt

Lediglich im gemeinsam mit seiner Frau besuchten Geburtsvorbereitungskurs gab es die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Doch: So in der Gruppe, mit anderen Paaren, spricht Mann manche Dinge eben nicht so gerne an. Was, wenn ich es nicht aushalte und in Ohnmacht falle? Welche Bilder werde ich zu sehen bekommen? Kann es sein, dass ich danach keine Lust mehr auf Sex mit meiner Frau habe? Tonci Huck fände es gut, wenn es mehr Räume gäbe, wo Männer unter sich sind, um über solche Fragen sprechen zu können. Geburtsvorbereitungskurse ausschließlich für werdende Väter oder Gesprächskreise. Er selbst hat solche bereits angeboten, beim Familienzentrum des Bayerischen Roten Kreuzes Nürnberg, sich auch bei der Nürnberger Väterwoche im letzten Jahr engagiert. Momentan fehlt ihm dafür die Zeit, weil er neben seinem Job als Erzieher noch studiert. Doch das Thema liegt ihm weiterhin sehr am Herzen.

Tipps für werdende Väter

Wie hat er selbst die Geburten seiner Kinder erlebt und welche Tipps kann er geben?
Zunächst: „Man kann nicht zu 100 Prozent vorbereitet sein“, sagt der 34-Jährige. Weil jede Geburt anders verläuft und nie alle Fragen im Vorfeld hätten gestellt werden können. Gut sei in jedem Fall, vorab als Paar viel miteinander zu reden, etwa welche Art von Geburt sich die Partnerin wünscht und welche Ängste sie umtreiben. „Als Mann kann man dann der Vermittler sein und aufpassen, dass nichts passiert, was sie nicht will.“ Die für ihn persönlich wichtigste Rolle im Kreißsaal sei die des emotionalen Unterstützers gewesen. Er hat die Hand seiner Frau gehalten, ihr gesagt: „Du bist toll, du schaffst das!“ Auch mal ein bisschen geflunkert: „Gleich ist es vorbei!“ Und sich dabei überhaupt nicht nutzlos gefühlt. Dennoch gab es Momente, die ihn überforderten. Als die PDA gelegt wurde und er rausgehen musste. Oder als es bei der Geburt seiner Tochter plötzlich kritisch-hektisch wurde, und niemand ihm erklärte, warum. Seine Erfahrung: „Es kann viel passieren, ohne dass man weiß, was genau passiert.“

Vorbereitung für werdende Väter

Wie ein Mann die Geburt erlebt, hängt aber gerade besonders davon ab, wie sich Ärzte und Hebammen verhalten. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie an der Berliner Charité schon im Jahr 2011: „Verunsicherungen des Vaters werden meist vom Personal hervorgerufen, das es versäumt, den Partner der Frau mit ins Geburtsgeschehen einzubeziehen.“ Dieser Umstand scheint nur langsam ins Bewusstsein zu rücken, aber es tut sich etwas. Ein 2019 erschienener Artikel in der Deutschen Hebammen Zeitschrift beschäftigt sich mit den „vergessenen Vätern“ und der Frage, wie sie besser auf das Geburtserlebnis vorbereitet und während des Geschehens besser integriert werden können. Zeitgleich fand ein bundesweiter Aktionstag statt, bei dem Männer in „Erzählcafés“ eingeladen waren, von ihren Erlebnissen im Kreißsaal zu berichten. Das Fazit: „Die Berichte haben deutlich gemacht, wie sehr Väter sich heute als Teil der Geburtserfahrung empfinden und wie dringend ein Umdenken erforderlich ist.“ 

Nur Mut!

Wichtig bei alledem wäre parallel, was auch Tonci Huck rät: Dass sich Männer mehr trauen, über ihre Ängste, Sorgen und Erwartungen zu reden. (Gleiches gilt natürlich auch für den nichtgebärenden Teil bei gleichgeschlechtlichen Paaren.) Gezielte Angebote speziell für Männer zum Thema Geburt sind leider oft noch rar gesät; auf den Seiten des Bundesforums Männer, Interessenverband für Jungen, Männer und Väter e. V. kann man bundesweit allgemein nach Beratungs- und Unterstützungsangeboten, auch Online- und telefonischen Anlaufstellen, suchen.  (maennerberatungsnetz.de)
Einen vermeintlich banalen, aber ganz praktischen Tipp hat Zweifachvater Tonci Huck noch: „Unbedingt auch eine Kliniktasche für den Papa packen, mit Essen und einer bequemen Hose!“ Er selbst hat sein erstes Mal im Kreißsaal stundenlang in Jeans zugebracht – das hätte er sich komfortabler gewünscht.

Text: Manuela Prill

Infos:
Bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt es online mehrere Infobroschüren für werdende Väter zum kostenlosen Download.

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